Stiftsmusik Stuttgart

Mühleisen-Orgel

Die neue Mühleisen-Orgel wurde – nach zehnjähriger Planungs- und Bauzeit – am 29. August 2004 festlich eingeweiht. Seither erklingt sie in zahlreichen Konzerten und Gottesdiensten:

 

Die Klangidee der Orgel orientiert sich vor allem an zwei Stilbereichen: an der Orgelmusik von J.S. Bach und an der deutschen symphonischen Orgelliteratur, etwa von Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms und Max Reger. Dem entsprechen vier Manuale (Hauptwerk, Rückpositiv, Schwellpositiv, Schwellwerk) und Pedal mit insgesamt 81 Registern sowie Glockenspiel, Röhrenglocken und Zimbelstern. 7 Register wurden aus der alten Orgel übernommen. Die Mühleisen-Orgel hat 5366 Pfeifen, davon stammen 352 aus der alten Orgel.

In den Gehäuseteilen vor dem Turmbogen sind die klassischen Register untergebracht. Dort können sie frei und mit ihrer ganzen Charakteristik in den Raum sprechen. In der Turmkammer befinden sich die tiefen gravitätischen Pedalpfeifen (alle aus Holz) und die fernen, mystischen Orgelregister des Schwellwerks, durch die ein symphonisches Crescendo möglich ist.

Die Bauweise der Orgel beruht auf jahrhundertealten Handwerksprinzipien: die Pfeifen sind aus besten Hölzern und Metalllegierungen, das Gehäuse aus Massivholz, die Verbindungen zwischen Tasten und Pfeifen alle rein mechanisch, auch die Koppeln sind bis auf die des Schwellwerks und des Großpedals mechanisch.

Für die Anforderungen neuerer Orgelmusik und der Improvisation verfügt die Orgel zusätzlich über ein elektronisches Speichersystem für die Registrierungen.

Die Konzeption des Instruments hat die Orgelkommission mit KMD Burkhart Goethe, KMD Kay Johannsen, Prof. Jon Laukvik und KMD Prof. Volker Lutz in Zusammenarbeit mit dem Architekten des Kirchenumbaus, Prof. Bernhard Hirche und der Orgelbaufirma Mühleisen entwickelt.

Hier finden Sie die Disposition im Detail:

Disposition

 

Traditionelle Handwerkskunst spielt eine wichtige Rolle in der Orgelbauwerkstatt Mühleisen aus Leonberg. Gehäuse, Windanlage, Windladen, Trakturen und Holzpfeifen werden aus europäischem Massivholz angefertigt. Kunststoff ist in der neuen Orgel nicht zu finden. 

Eine durchdachte Konstruktion und präzise Verarbeitung aller Orgelteile sind für die Leonberger Werkstatt selbstverständlich. Der Klang der Orgel passt auch deshalb so gut in den Kirchenraum, weil die Firma ihre Erfahrung von über 80 Neubauten seit 1985 einbringen konnte. Bewährt hat sich auch die Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut in Bezug auf die Raumakustik. 

Vorbilder sind für jeden Orgelneubau von Bedeutung: So ist die Disposition der neuen Orgel auch in Anlehnung an die berühmte Vorkriegsorgel entstanden. Orgelbaufirma und Orgelkommission haben, wie bei großen Orgelbauprojekten üblich, während der Bauzeit immer wieder historische Instrumente aus dem 18. und 19. Jahrhundert besucht, um Klangeindrücke in die klangliche Konzeption für die Stiftskirchenorgel einfließen zu lassen. Das Ziel war aber eine unverwechselbare und charakteristische Orgel, ein Unikat. 

Schon im Jahre 1381 war in der Stiftskirche die erste Orgel eingebaut worden, rund 200 Jahre früher als in anderen Stuttgarter Kirchen. Weitere Orgeln folgten 1621 und 1668. Ihr Platz war noch der Lettner gewesen und entsprechend klein waren sie: 15 Register mussten ausreichen. Doch 1807 bescherte König Friedrich I. den Stuttgartern eine Prachtorgel: In der Klosterkirche Zwiefalten wurde kurzerhand die komplette Orgel mit ihren 64 Registern ausgebaut und nach Stuttgart transportiert – 26 Vierspänner waren dazu nötig. Ihren ersten Platz fand diese große Orgel im Chorraum, wo sie aber gar nicht hinpasste, denn sie war 15 m breit, der Chorraum aber nur 10 m! 1837 setzte der berühmte Orgelbauer Eberhard Friedrich Walcker das Instrument auf die Westempore, wo sie einen beeindruckenden neugotischen Prospekt erhielt und auf 80 Register erweitert wurde. 1944 wurde diese legendäre Orgel beim Bombenangriff vollständig zerstört. Nach dem Krieg baute die Firma Walcker eine neue Orgel mit jetzt 86 Registern – für gerade mal 160.000 DM. Nach vierzig Jahren lohnte sich ein Erhalt dieser Orgel jedoch nicht mehr, nur die großen und allerdings sehr wertvollen Holzpfeifen für das Pedal konnten im neuen Instrument wiederverwendet werden. 

Erst die sechste Orgel seit 1381 haben wir nun in der Stiftskirche und dürfen hoffen, dass sie viele, viele Jahrzehnte die Menschen in Gottesdiensten und Konzerten beglücken wird. Konrad Mühleisen hat mit seinen 28 Mitarbeitern darauf geachtet, dass die Orgel in höchster Handwerkskunst erbaut wurde. 5000 kg Orgelmetall und ein kleiner Mischwald waren nötig, um Gehäuse, Pfeifen und die mechanische Spiel- und Registertraktur anzufertigen. Schafsleder für die Bälge kam noch hinzu. Elektronik wurde nur eingebaut, damit Klänge gespeichert und schnell aufgerufen werden können – im "Herz" der Orgel ist alles mechanisch. Ein großer Vorteil für die neue Orgel ist die neue Akustik der Stiftskirche, die den Klang der Pfeifen rund und hell in den Raum trägt, ganz anders als früher. 

An den Gesamtkosten von rund 1,7 Mio Euro haben sich neben der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Stuttgart vor allem rund 2000 Orgelpfeifen-Patinnen und Paten mit rund 880.000 Euro beteiligt – danke! 

Die Orgel wird gestimmt - ein Gespräch mit Eva-Maria Fritz während des Internationalen Orgelsommers 2016

5366 Orgelpfeifen kurz mal stimmen!? - Eva-Maria Fritz, Orgelbauerin und Mitarbeiterin der Firma Mühleisen, im Gespräch mit Markus Friedrich während des Internationalen Orgelsommers 2016

Frau Fritz, ich will nicht lange stören – aber hätten Sie kurz Zeit? Wieviele Pfeifen hat denn das Instrument?

Die Orgel hat insgesamt 5366 Pfeifen, von der ganz großen – bis zur Minipfeife….

Wie groß ist denn »ganz groß«?
Eine C-Flöte mit 32‹ (Fuß = 9,75 m) ist schon »groß«, oder?!

Und die müssen jeden Freitag (während des Orgelsommers) gestimmt werden!? 
...freitags stimmen wir nur 884 Pfeifen, die »Zungen«

?????? 
Es gibt Lippenpfeifen, Labiale, und Zungenpfeifen, Linguale. Lippenpfeifen sind aus Metall oder Holz. Bei Lippenpfeifen kommt der Wind von unten und »teilt« sich am Labium, der Lippe. Lippenpfeifen gibt es in vielen verschiedenen Ausführungen. Zylindrisch offene Pfeifen: Principal, Offenflöte, Holzflöte, Sifflöte, Nachthorn, Geigenprincipal, Salicional, Gamba, Äoline. Zylindrisch gedeckte und halbgedeckte Pfeifen: Holzgedackt, Quintade, Rohrpommer, Rohrpfeif, Metallgedackt, Bourdon, Rohrflöte. Konische Pfeifen: Gemshorn, Waldflöte, Blockflöte, Flachflöte, Spitzflöte, Spitzgamba, Koppelflöte. Pfeifen in besonderer oder seltener Form: Dolkan, Trichtergedackt, Doppelgedackt, Wienerflöte, Seraphon, Labialklarinette… Ach Du liebe Zeit, jetzt habe ich mich verplaudert…! Ich wollte doch die Zungenstimmung zeigen… Wissen Sie was, ich stimme jetzt für Frau Demers und zeige Ihnen nächste Woche die Zungenstimmung, o.k.?

Wie lange benötigen Sie denn für die Stimmung der 884 Pfeifen?
Also drei Stunden wird es sicherlich dauern!

Das war ja hochinteressant, für die, die es genauer wissen wollen, bieten wir aber ja auch Orgelführungen an.

Fortsetzung des Gesprächs den Freitag darauf

Bei den Lippenpfeifen waren wir letzte Woche stehen geblieben… heute also die Zungenstimmung?
Gut! Wie ich sagte, es gibt die Lippenpfeifen (Labiale) und die Zungenpfeifen (Linguale).

Und die müssen jeden Freitag gestimmt werden!?
Ja und Nein! Die Labiale verändern sommers und winters ihre Tonhöhe, die Linguale müssen der neuen Tonhöhe angepasst werden…

Ist denn eine Orgel sooooooo empfindlich!?
Ja! Die Temperatur spielt eine große Rolle, aber auch die Luftfeuchtigkeit. Innerhalb einer Stunde sollte sich die Temperatur in der Kirche nur um MAXIMAL 1⁰ C ändern, sonst »stimmt gar nix mehr!« Aus Sicht einer Orgel ist eine volle Kirche gar nicht wünschenswert, jeder Besucher produziert die Wärme einer 100W-Birne….

Okay, verstanden. Was sind denn nun ZUNGENPFEIFEN?
Jetzt kommen einige Fachbegriffe:Becher, Stimmkrücke, Zungenblatt und Kehle, Stiefel. Bei Zungenpfeifen kommt der Wind ebenfalls von unten, versetzt die Zunge in Schwingung. Sie öffnet und schließt rasch. Dadurch tritt ein Anblasstrom kurzzeitig in die Kehle. Der Resonanzkörper (Becher) und die Zunge müssen die gleiche Schwingungszahl haben, den sog. »Bourdonpunkt«. Zungenpfeifen sind aus Metall, es gibt sie in deutscher oder französischer  Bauart, mit gekröpftem oder mit Holzbecher. Zungenpfeifen mit natürlichen Becherlängen: Schalmei, Rohrschalmei, Dulcian, Zink, Cromorne, Krummhorn, Musette, Trompete, Klarine, Trompette, Clairon, Tuba, Horn, Fagott, Basson, Kopftrompete, Engl. Horn, Oboe, Hautbois.

 …und nun brauchen wir natürlich einen Tastenhalter, der die zu stimmenden Töne andrückt?
Der »Tasten-Weiter-Drücker« ist wegrationalisiert und nun ein kleines schwarzes Kästchen in meiner Hand…. Mit einem Metallstab muss ich nun die Stimmkrücke nach unten oder oben schlagen, bis der Ton schwingungsfrei erklingt. 

Vielen Dank! Dann 884x fröhliches Stimmen!

Bei der Hauptausreinigung der Mühleisen-Orgel hat Ulrike Albrecht dem Orgelbauer Reinhard Metzger kurz über die Schulter geguckt und sich erklären lassen, was es damit auf sich hat.

Vor einigen Tagen, am 21. April 2021, war in der Stuttgarter Zeitung diese schöne kleine Geschichte von Isabelle Christian zu lesen: »Mit meinen Enkelkindern (2 und 4 Jahre) besuchte ich den farbenfroh leuchtenden Schillerplatz-Blumenmarkt. Und so führte uns der Weg auch zur Stiftskirche. Wir traten ein, die Kleinen staunten still mit großen Augen. Plötzlich erklang ein ohrenbetäubender Orgelpfeifen-Ton, dunkel und lang anhaltend. Orgelbauer waren am Werk. Die Kinder erschraken so sehr, dass sie die Kirche fluchtartig verlassen wollten. Um zu verhindern, dass sich dieses Erlebnis einprägt, habe ich durch verhaltenes Rufen und Winken auf uns aufmerksam gemacht. Nachdem ich meine herzliche Bitte geäußert hatte, ein paar wenige sanfte Orgeltöne zu spielen, erklang unerwartet für eine Weile ein so berührendes Musikstück, dass die kleinen Kinder, kniend auf der ersten Kirchenbank, andächtig und fasziniert lauschten. Danke für dieses Geschenk!«

Der Orgelbauer, der die Kinder in der Stiftskirche an diesem Tag zuerst erschreckte und dann verzückte, war Reinhard Metzger. Der studierte Kirchenmusiker und gelernte Orgelbauer ist zurzeit mit einigen Kolleg:innen aus der Leonberger Werkstätte für Orgelbau Mühleisen mit der sogenannten Hauptausreinigung unserer großen Mühleisen-Orgel beschäftigt. Seit Anfang März sind die Orgelbauer bereits am Werk, und noch bis Mitte Mai werden sie brauchen, bis die Orgel blitzblank geputzt ist und in alter Frische erklingt.

Reinhard Metzger, der schon beim Neubau der Mühleisen-Orgel vor 17 Jahren mit dabei war, stimmt und wartet das Instrument seither regelmäßig und musste zuletzt feststellen, dass sich im Lauf der Jahre doch relativ viel Staub im Innern der Orgel und Orgelpfeifen abgelagert hat. Das beeinträchtigt nicht nur die Klangqualität, sondern auch die Stimmhaltung des Instruments. Alle 20 bis 25 Jahre ist eine solche Hauptausreinigung in der Regel fällig. Dass sie sich bei unserer Mühleisen-Orgel schon etwas früher nötig wurde, liegt an der zentralen Innenstadtlage der Stiftskirche und auch daran, dass sie erfreulich gut frequentiert ist. Aber alle Konzertbesucherinnen und Touristen wirbeln auch ordentlich Staub auf. Und dieser Staub dringt dann auch ins Instrument ein.  

Also was ist zu tun? Bei einer Hauptausreinigung werden sämtliche Pfeifen einer Orgel ausgebaut, mit Pressluft ausgeblasen, mit ph-neutraler Seifenlösung feucht abgewischt und an den Kernspalten ausgepinselt. Bei unserer Mühleisen-Orgel in der Stiftskirche sind das immerhin 5366 Holz- und Metallpfeifen, verteilt auf verschiedene Gehäuse. Diese eröffnen eine sinnvolle Möglichkeit, bei der Reinigung in Etappen vorzugehen, so dass die Orgel an jedem Wochenende in den Gottesdiensten spielbar bleibt und nicht monatelang außer Betrieb ist. Das erfordert eine exakte, manchmal auch komplizierte Planung der Abläufe, was nicht immer ganz einfach ist. Aber die Mitarbeiter:innen der Firma Mühleisen haben das bestens im Griff.

Eine Ausreinigung bietet immer auch die Chance, sie mit einer größeren technischen Prüfung zu verbinden und gegebenenfalls kleinere Reparaturen vorzunehmen. Nie sonst kommt man so problemlos an alle Kanzellen, Pfeifenstöcke und Windkästen heran, um ihre Winddichtigkeit und Funktion zu überprüfen und auch kleinste Verschleißerscheinungen, Leckstellen oder Beschädigungen selbst im allerletzten Winkel zu entdecken und zu beheben.

Als ich Reinhard Metzger treffe, arbeitet er gerade intensiv am Klang und an der Intonation des Instruments. Nach 17 Jahren klingen manche Pfeifen hörbar enger oder gepresster als andere – selbst nach der Reinigung. Das wird Pfeife für Pfeife durchgehört und korrigiert. Das Korrigieren und Intonieren ist feinste Millimeterarbeit. Doch mit dem Feingefühl des Kirchenmusiker und der Routine eines erfahrenen Orgelbauers weiß Reinhard Metzger genau, ob, wo und wie er welche Pfeifen bearbeiten muss, um den gewünschten Effekt zu erzielen. So arbeitet er sich Pfeife für Pfeife voran. Zum Glück gibt es eine Fernbedienung, mit der er jede Pfeife ansteuern kann. Ohne dieses elektronische Hilfsmittel bräuchte man zwei Personen, um diese Arbeit zu erledigen. Am Ende, wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, erklingt die Mühleisen-Orgel wieder in alter Frische, wie neu. Darauf freut sich Stiftskantor Kay Johannsen schon jetzt. Und darauf dürfen sich auch alle Gäste des Internationalen Orgelsommers freuen – die Organist:innen am Instrument ebenso wie das Publikum im Kirchenraum. Herzliche Einladung!

 

Mehr zur Mühleisen-Orgel

 

Mehr Informationen:

Flyer zu den Orgeln der Stiftskirche

Videos mit der Orgel in Aktion:

YouTube-Kanal Kay Johannsen 

Alle Informationen zu Orgelführungen:

Infos zu Orgelführungen