Stiftsmusik Stuttgart

Pressestimmen

Krönender Abschluss

Kay Johannsen beendet den Internationalen Orgelsommer in der Stiftskirche mit Reger und freien Improvisationen

Dietholf Zerweck (29.08.2016 Ludwigsburger Kreiszeitung)

»Niemand kennt wohl die große Mühleisenorgel in der Stiftskirche so gut wie deren Kantor Kay Johannsen, der auch bei der Disposition der 85 Register des prächtigen, vor zwölf Jahren eingeweihten  Instruments wesentlich mitgewirkt hat. Beim Abschlusskonzert des diesjährigen Internationalen Orgelsommers, an dem Orgelvirtuosen aus acht Ländern beteiligt waren, brachte sie Johannsen in vielfältigen, stilistisch reizvollen Kombinationen zum Erklingen. Das beeindruckte schon bei der Uraufführung seines aus einer früheren Konzertimprovisation entstandenen Stücks »Sunrise«: mit tremolierenden Flötenregistern entflieht das Dunkel der Nacht, vogelleicht kündigt sich der Sonnenaufgang an, sinnfällig baut sich das auf, wird immer strahlender, gleißender, gewinnt Fundament mit einem choralartigen Motiv im Pedal. Wie sich dieses grandiose Lichtwunder dann in Clustern verdichtet und klangmächtig entfaltet: ein großartiger Auftakt.

Zwei große Orgelwerke von Max Reger standen im Mittelpunkt des Konzerts. Die Choralfantasie über »Straf mich nicht in deinem Zorn«, kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert entstanden, fasst den Inhalt der sechs Strophen in extreme klangliche Kontraste, die nach Regers Anweisungen auch durch Einsatz des Schwellwerks innerhalb einzelner Töne und Takte noch gesteigert werden. Bei der Vision des Jüngsten Gerichts stürzt die Musik der »Höllenfahrt« in Terzketten durch mehrere Oktaven abwärts, Seufzer und Klagen erscheinen in charakteristischen Solostimmen, am Schluss triumphieren strahlende Mixturen. Regers Fantasie und Fuge d-Moll op.135 b ist sein letztes vollendetes Orgelwerk, ein Jahr vor seinem Tod 1916. Es ist die ungeheuer ausdrucksstarke Summe seiner Kompositionen für die »Königin der Instrumente«, und Kay Johannsen brachte in seiner Wiedergabe die ganze Komplexität und Klangvielfalt bewundernswert zur Geltung.

Nach der spannungsreichen Fantasie mit den sich abwechselnden, wie hingetupften Arpeggien und mächtigen Akkordballungen entwickelt Johannsen die Doppelfuge in ihrem Gegensatz von ruhiger Klarheit und bewegter Rhythmik prägnant. Meisterhaft gestaltet er das Filigrane des a-Moll-Themas, prachtvoll bringt er die Brillanz der Zungenregister zur Geltung. Dem »Meister Richard Strauss in besonderer Verehrung gewidmet«, spricht Regers Musik hier eine doch ganz andere, chromatisch vielschichtige Sprache und blickt auch zurück auf sein Vorbild Johann Sebastian Bachl.

Zwischen die beiden Reger-Stücke stellte Johannsen seinen in diesem Jahr aufgezeichneten »Song of Hope«, dessen swingender Rhythmus am Schluss von einer fröhlichen, gospelartigen Melodie überstrahlt wurde. Vom Publikum in der gut besuchten Stiftskirche mit Spannung erwartet, war die freie Improvisation über B-A-C-H ein krönender Abschluss. Aus raunendem Beginn, tremolierend und gleichsam mythisch umwölkt, entfaltete Kay Johannsen, seinem hoch sensiblen Naturell völlig adäquat, den tänzerischen Mittelteil mit federnden Bässen und inspiriert von lateinamerikanischen Rhythmen; den Schlussstein seines phantasiereichen Gebäudes bildete die Wiederkehr des Themas mit Zimbelstern und Glockenregistern.«

Bravouröse Stimmkunst

Festkonzerte des Deutschen Chorfests in der Stiftskirche und auf dem Schlossplatz

Dietholf Zerweck (28.05.2016 Ludwigsburger Kreiszeitung)

»(...) so steht Kay Johannsen mit den 16 Vokalisten seines Ensembles stimmkunst kirchenmusikalisch mit an der Spitze der Bach-Pflege. Mit dem Ensemble Stiftsbarock und seiner Konzertmeisterin Christine Busch steht dazu ein in historischer Aufführungspraxis geschultes Kammerorchester zur Verfügung.

Prachtvoll strahlten die Barocktrompeten in den Eckchören der Kantate ›O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe‹, die Flöten und Oboen malten das ›Entzünde die Herzen‹ mit bildhafter Intensität. Vorzüglich in Artikulation und Phrasierung sang die Altistin Lena Sutor-Wernich ihre Arie ›Wohl euch, ihr auserwählten Seelen.‹ Jedes der vier Stimmquartette glänzte in den Chören durch charakteristische Intonation und makellose Koloraturen.

Ein Höhepunkt vokaler Homogenität war die Motette ›Fürchte dich nicht, ich bin bei dir‹, deren Polyphonie vom Cantus firmus der Soprane mit innerem Leuchten erfüllt wurde. Mit der ›Kyrie-Gloria-Messe‹ G-Dur von Johann Sebastian Bach ging das vom Publikum mit viel Beifall bedachte Konzert in der Stiftskirche zu Ende.«

Seufzen, Sehnen, Singen

Packende Passionskonzerte mit dem Bachchor Stuttgart, der Stuttgarter Kantorei und dem Philharmonia-Chor

Verena Grosskreutz (29.3.2016 Stuttgarter Nachrichten)

»Da ist es, das Jüngste Gericht, Highlight jedes Requiems: Posaunen dröhnen, die Chorstimmen wogen in wildem Auf und Ab, die Feuerbrunst malend. Das »Dies Irae« ist auch in Antonín Dvoráks Totenmesse Ort greller Tonmalerei und lustvoll krasser Darstellung apokalyptischer Zustände. Und mittendrin in der Masse kraftvoll arbeitender Musizierender: Stiftskantor Kai Johannsen, der Dvoráks Requiem am Karfreitag in der ausverkauften Stuttgarter Stiftskirche mit feinem Gespür für den großen dramatischen Bogen zu einer mitreißenden Aufführung brachte – mit über 100 Choristen der Stiftskantorei, der romantisch-riesig besetzten Stiftsphilharmonie inklusive deftigen Blechbläserblocks, einem Solistenquartett und mit der Orgel im Rücken.«

Vier Töne für den Tod

»Neben diesen ekstatischen Momenten gefällt Dvoráks Requiem aber vor allem wegen seines lyrischen Tonfalls, etwa der schmerzvoll-introvertierten A-Cappella-Phasen mit der Bitte um ewige Ruhe und ewiges Licht, die Johannsen mit seinem farblich fein nuancierenden Chor hervorragend vorbereitet hat. Die Männerstimmen gehen zwar im Orchester-Tutti manchmal unter in der Wucht des Blechs. Die Frauenstimmen hingegen senden durchweg satte, präzise Farben. Wohlklingend ist die Intonation der Soprane, die zum insgesamt ausgewogenen Klangbild des Abends einiges beitragen. Im gut miteinander harmonierenden Solistenquartett sorgt Sopran Manuela Vieira für ekstatische Leidenschaft, Altistin Annelie Sophie Müller agiert mit edler Erhabenheit, und Tenor Kyungho Kim singt seinen Part sicher, locker, mit klangschöner Höhe. Bass Reinhard Mayr kämpft dagegen ein wenig mit der Tiefe.

Für den anspruchsvollen Orchesterpart – den ein Mann komponierte, der bereits acht große Sinfonien vollendet hatte – hat Kay Johannsen exzellente Musiker und Musikerinnen zusammengetrommelt. Emotional leuchtend, sehnend und seufzend agieren die Streicher, sehr präzise klingt die imposante Blechbläserfraktion mit Tuba, sensibel und farbig singend der Holzbläserblock, den Dvorák zur Schaffung von Kontrasten gelegentlich auch alleine in Szene setzt – so ­effektvoll wie die viertönige, seufzende Todeschiffre, mit der das Requiem beginnt und die immer wieder wie aus dem Nichts auftaucht.« (vg)

Dvořák löst breite Palette an Emotionen aus

Dietholf Zerweck (26.03.2016 Ludwigsburger Kreiszeitung)

»(...) Das erfordert von den Ausführenden große Konzentration und Ausdrucksvielfalt, die im Karfreitag-Konzert in der Stiftskirche auch vorbildlich dargeboten wurde. Kay Johannsen organisierte die gewaltigen Klangmassen und Stimmungswechsel im 'Dies irae' mit ruhiger Hand, die Stiftsphilharmonie beeindruckte durch prägnante Leuchtkraft. Wie sich Dvořáks Leitmotiv einer um sich selbst kreisenden Sekunde aus den Tiefen der STreicher ins Licht empor bewegt und die fast 90 Sängerinnen und Sänger der Stuttgarter Kantorei im 'Kyrie eleison' zu einem geradezu mystischen Chorklang verschmelzen, war ein berührender Anfang. Homogenität und Intonationsreinheit des Chors prägten auch die A-cappella-Teile, in denen Dvořák allein den menschlichen Stimmen die Botschaft der 'ewigen Ruhe' überträgt.«

Zwinkernde Präzision

Der Stuttgarter Kay Johannsen an der Rottenburger Domorgel

Achim Stricker (02.12.15 Südwest-Presse)

»Den Abschluss der diesjährigen Orgelkonzert-Reihe im Rottenburger Dom machte am Ersten Advent der Stuttgarter Stiftskantor Kay Johannsen, künstlerischer Leiter der wöchentlichen Stunde der Kirchenmusik und einer der rührigsten und prägenden Kirchenmusiker im Land. (...) Mit Bachs Präludium und Fuge e-moll BWV 548 gab Johannsen am Sonntagabend gleich seine Visitenkarte ab: Man könnte die musikalische Struktur kaum klarer durchleuchten, die Stimmen bis hin zum Pedal kaum gleichwertiger gestalten. Weder kontrapunktisch streng noch tänzerisch agogisch, vielmehr energetisch und pointiert, mit leichthändiger und zugleich prägnanter Secco-Tongebung. (...) Besonders raffiniert kombinierte Johannsen die große Sandtner-Orgel mit der kleineren Orgel im Chorraum gegenüber (...). Hier ergaben sich faszinierende Fernklänge, Echo-Dialoge, mehrschichtige Überlagerungen, farbig schillernde Klang-Faltenwürfe durch den gesamten Kirchenraum. Zuletzt Tochter Zion auf beiden Orgeln in unbändig lärmender Freude.«

Kunst der Improvisation

Kay Johannsen spielt zum Orgelsommer-Finale in der Stiftskirche

Markus Dippold (31.8.2015 Stuttgarter Zeitung)

»Die Improvisation ist für viele die Königsdisziplin des Orgelspiels, denn diese augenblicksbezogene Kunst verlangt Inspiration, Kreativität, Formbewusstsein und stilistische Flexibilität. Ohne Zweifel gehört der Stuttgarter Stiftskantor Kay Johannsen zu den Großen auf diesem Gebiet, wie sein Konzert am Freitag zum Abschluss des diesjährigen Orgelsommers in der Stiftskirche bewies. Das Lied >Geh aus, mein Herz, und suche Freud< hat Johannsen als Ausgangspunkt seiner großformatigen Improvisation gewählt. Anfangs zwitschern Vogelstimmen und hört man Glockentöne, ehe nach und nach die Melodie eingeführt und durch alle Lagen geschickt wird. (...) ... der Organist breitet orientalische Klänge, fröhliche Drehorgel-Atmosphäre, Tango- und andere Tanzrhythmen aus, lässt das Thema aber auch mal melancholisch und fragil erscheinen, nur um es am Ende zu sinfonischer Pracht im Stil einer Vierne-Toccata aufzublähen. Keine Frage, das ist brillant, und unterhaltsam ist es auch, dank der neuen Videoübertragung auf eine Leinwand über dem Altar, die es erlaubt, dem Spieler auf die flinken Finger und Füße zu schauen. (...) Fein dosiert Johannsen den ruhigen >Sicilienne<-Mittelsatz mit seinem tänzerischen Rhythms und bietet in der technisch extrem schwierigen >Toccata< am Ende stupende Virtuosität und eine ausgeklügelte Registrierung. Zu Recht wurde der Stiftskantor vom begeisterten Publikum bejubelt.

Klangvoller Abschluss des Orgelsommers

Dietholf Zerweck (01.09.15 Ludwigsburger Kreiszeitung)

» (...) Es war der Beginn eines fantasievollen musikalischen Variationenstraußes, mit dem der Stuttgarter Stiftskantor das Abschlusskonzert des Internationalen Orgelsommers krönte, bei dem an den acht Freitagen zuvor Virtuosen aus Ost und West gastiert hatten. (...) Johannsen präsentiert die Ausdrucksmöglichkeiten der Mühleisen-Orgel bei seinem Soloprogramm eindrucksvoll, doch ist in seinem so präzisen wie transparenten Spiel Virtuosität niemals Selbstzweck. (...) Federnd leichtfüßig im Pedal, gesanglich phrasiert in den beiden Melodiestimmen war die lebendige Wiedergabe reinster Hörgenuss. (...) Höhepunkt dann Kay Johannsens feine Orgelimprovisation: Ob im Paso doble, im Tangoschritt, mit Bossa-Nova-Anklängen, oder als fröhlicher Schnaderhüpfel kostümiert, diese heiter gestimmte, virtuose Anverwandlung des alten Kirchenliedes begeisterte die Zuhörer zu stürmischem Applaus.

Einfühlsam und sehr virtuos

Alina Nikitina beim Internationalen Orgelsommer in der Stuttgarter Stiftskirche

Dietholf Zerweck (17.8.2015 Ludwigsburger Kreiszeitung)

»Wenn die Konzerthäuser Sommerpause machen, kommen die wichtigen Orgeln in großen Kirchen der Region zu Wort. Eine großartige Rolle spielt dabei der Internationale Orgelsommer in der Stuttgarter Stiftskirche (...). Durch die weitreichenden Kontakte des Stiftskantors und Orgelvirtuosen Kay Johannsen, der in diesem Jahr schon in Jekaterinenburg, Peking und in der Berliner Philharmonie gastierte, präsentieren sich auch jeden Sommer hochinteressante Musiker an der viermanualigen Mühleisen-Orgel. (...) Ein umjubeltes Konzert gab in dieser Reihe die junge russische Organistin Alina Nikitina aus St. Petersburg. (...) In einem Programm mit Werken des Barock, der Romantik und der Moderne begeisterte Nikitina die Zuhörer in der gut gefüllten Stiftskirche durch außerordentliche Musikalität und Virtuosität. (...) Wie Alina Nikitina die glitzernden Arpeggien der temporeichen Introduktion mit dem würdevollen Ernst des fünfstimmigen Mittelsatzes kontrastierte und die Spannung des Stücks bis zum unaufgelösten, plötzlich abbrechenden Septim-Non-Akkord steigerte, war ungeheuer beeindruckend. (...) Grandioser Höhepunkt des Knozertes waren die >Variations sur un Noel< von Marcel Dupré. (...) Nikitina spielte sie klanglich und dynamisch hinreißend differenziert und bravourös

Durch das Labyrinth der Harmonien

Alina Nikitina beim Internationalen Orgelsommer in Stuttgart

Thomas Bopp (17.8.2015 Stuttgarter Nachrichten)

»(...) Das dreiteilige >Offertoire sur les Grands Jeux< aus Couperins >Messe à l'usage des Paroisses< hatte sie sehr differenziert angelegt: Dem von ihr rhythmisch pointiert und hinsichtlich der Registerwahl zwischen dichtem Mischklang und transparentem Spaltklang alternierenden Beginn setzte sie nach einer deutlich herausgearbeiteten Fuge in der Mitte dann im Finale einen in der Ausdrucksgebung recht heiter und tänzerisch gestalteten Charakter gegenüber. (...) Die musikalisch vielfältige Abfolge von Duprés >Variations sur un Noel< gestaltete die Organistin sehr abwechslungsreich...«

Die Musik ist Erlösung geworden

Verdi-Requiem 2015

Georg Linsenmann (27.07.2015, Stuttgarter Zeitung) (31.07.15)

Wie konnte dieses Requiem als Werk für Soli, Chor und Orchester je als Verdis »schönste Oper« missverstanden werden? Eine Frage, die nach der Aufführung mit der Stuttgarter Kantorei, der Stiftsphilharmonie Stuttgart und einem fabelhaften Solisten-Quartett in der Stiftskirche als nurmehr musikhistorisch interessante Reminiszenz wirkt. Denn unter dem Stiftskantor Kay Johannsen erweisen sich Verdis mit faszinierender Präzision ins Werk gesetzten dramatischen Mittel schlicht als die zwingende musikalische Logik, mit der Verdi den Menschen in unbedingter Wahrhaftigkeit vor ein unausweichbar Absolutes stellt: vor die Sterblichkeit des Menschen. […]

Hier sprechen charakteristische Details in einem musikalisch zwingenden Zusammenhang. Schon die sotto voce im ersten Pianissimo-Einsatz der Männerstimmen hat tragende Intensität und ist wegweisend für die dynamische Anlage zwischen extrem schwierigem, vielfachem Pianissimi und apokalyptischen Fortissimi. […]

Wie von allein scheinen die von Johannsen in zwanzig Jahren geformten Ensembles dem Leiter zu folgen. Man hört weltstürzende Fortissimoschläge, aufheulende Chor- und Orchesterstimmen, gleißende Chromatik, scheinbar einstürzende Harmonik im »Dies irae« sowie geisterhafte Generalpausen im »mors stupebit«. Vollständig in den Dienst dieser Musik stellen sich die fein harmonierenden Solisten in Reinkultur im unbegleiteten »Huic ergo parce«. Wie vom Himmel schwebend bietet die überragende Sopranistin Katharina Persicke das finale »Libera me«, »Rette mich«. Offen verhallend, wodurch das etwas zu laute Blech wie ein dicker Schlusspunkt wirkt, was den wie befreit wirkenden, begeisterten Beifall in der Stiftskirche allzu schnell einsetzen lässt. Dennoch: diese Verdi-Messe ist packend, ergreifend und zeitlos aktuell.

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