Stiftsmusik Stuttgart

Information

Werkstätte für Orgelbau Mühleisen (Leonberg) 2004
(81 Register + Glockenspiel, Glocken und Zimbelstern)

Schon im Jahre 1381 war in der Stiftskirche die erste Orgel eingebaut worden, rund 200 Jahre früher als in anderen Stuttgarter Kirchen. Weitere Orgeln folgten 1621 und 1668. Ihr Platz war noch der Lettner gewesen und entsprechend klein waren sie: 15 Register mussten ausreichen. Doch 1807 bescherte König Friedrich I. den Stuttgartern eine Prachtorgel: In der Klosterkirche Zwiefalten wurde kurzerhand die komplette Orgel mit ihren 64 Registern ausgebaut und nach Stuttgart transportiert – 26 Vierspännerwaren dazu nötig. Ihren ersten Platz fand diese große Orgel im Chorraum, wo sie aber gar nicht hinpasste, denn sie war 15 m breit, der Chorraumaber nur 10 m! 1837 setzte der berühmte Orgelbauer Eberhard Friedrich Walcker das Instrument auf die Westempore, wo sie einen beeindruckenden neugotischen Prospekt erhielt und auf 80 Register erweitert wurde. 1944 wurde diese legendäre Orgel beim Bombenangriff vollständig zerstört. Nach dem Krieg baute die Firma Walcker eine neue Orgel mit jetzt 86 Registern – für gerade mal 160.000 DM. Nach vierzig Jahren lohnte sich ein Erhalt dieser Orgel jedoch nicht mehr, nur die großen und allerdings sehr wertvollen Holzpfeifen für das Pedal konnten im neuen Instrument wiederverwendet werden.

Erst die sechste Orgel seit 1381 haben wir nun in der Stiftskirche und dürfen hoffen, dass sie viele, viele Jahrzehnte die Menschen in Gottesdiensten und Konzerten beglücken wird. Konrad Mühleisen hat mit seinen 28 Mitarbeitern darauf geachtet, dass die Orgel in höchster Handwerkskunst erbaut wurde. 5000 kg Orgelmetall und ein kleiner Mischwald waren nötig, um Gehäuse, Pfeifen und die mechanische Spiel- und Registertraktur anzufertigen. Schafsleder für die Bälge kam noch hinzu. Elektronik wurde nur eingebaut, damit Klänge gespeichert und schnell aufgerufen werden können – im "Herz" der Orgel ist alles mechanisch. Ein großer Vorteil für die neue Orgel ist die neue Akustik der Stiftskirche, die den Klang der Pfeifen rund und hell in den Raum trägt, ganz anders als früher.

An den Gesamtkosten von rund 1,7 Mio Euro haben sich neben der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Stuttgart vor allem rund 2000 Orgelpfeifen-Patinnen und Paten mit rund 880.000 Euro beteiligt – danke!

Stiftskantor KMD Kay Johannsen

 

Zur klanglichen Konzeption der neuen Orgel

Die Klangidee der neuen Orgel orientiert sich vor allem an zwei Stilbereichen: an der Orgelmusik von J.S. Bach und an der deutschen symphonischen Orgelliteratur, etwa von Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms und Max Reger. Dem entsprechen vier Manuale (Hauptwerk, Rückpositiv, Schwellpositiv, Schwellwerk) und Pedal mit insgesamt 81 Registern sowie Glockenspiel, Röhrenglocken und Zimbelstern. 7 Register wurden aus der alten Orgel übernommen.

Die neue Orgel hat 5366 Pfeifen, davon stammen 352 aus der alten Orgel. In den Gehäuseteilen vor dem Turmbogen sind die klassischen Register untergebracht. Dort können sie frei und mit ihrer ganzen Charakteristik in den Raum sprechen. In der Turmkammer befinden sich die tiefen gravitätischen Pedalpfeifen (alle aus Holz) und die fernen, mystischen Orgelregister des Schwellwerks, durch die ein symphonisches Crescendo möglich ist.

Die Bauweise der Orgel beruht auf jahrhundertealten Handwerksprinzipien: die Pfeifen sind aus besten Hölzern und Metalllegierungen, das Gehäuse aus Massivholz, die Verbindungen zwischen Tasten und Pfeifen alle rein mechanisch, auch die Koppeln sind bis auf die des Schwellwerks und des Großpedals mechanisch.

Für die Anforderungen neuerer Orgelmusik und der Improvisation verfügt die Orgel zusätzlich über ein elektronisches Speichersystem für die Registrierungen. Die Konzeption des Instruments hat die Orgelkommission mit KMD Burkhart Goethe, KMD Kay Johannsen, Prof. Jon Laukvik und KMD Prof. Volker Lutz in Zusammenarbeit mit dem Architekten des Kirchenumbaus, Prof. Bernhard Hirche und der Orgelbaufirma Mühleisen entwickelt.

Die Werkstatt Mühleisen

Traditionelle Handwerkskunst spielt eine wichtige Rolle in der Orgelbauwerkstatt Mühleisen aus Leonberg. Gehäuse, Windanlage, Windladen, Trakturen und Holzpfeifen werden aus europäischem Massivholz angefertigt. Kunststoff ist in der neuen Orgel nicht zu finden.

Eine durchdachte Konstruktion und präzise Verarbeitung aller Orgelteile sind für die Leonberger Werkstatt selbstverständlich. Der Klang der Orgel passt auch deshalb so gut in den Kirchenraum, weil die Firma ihre Erfahrung von über 80 Neubauten seit 1985 einbringen konnte. Bewährt hat sich auch die Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut in Bezug auf die Raumakustik.

Vorbilder sind für jeden Orgelneubau von Bedeutung: So ist die Disposition der neuen Orgel auch in Anlehnung an die berühmte Vorkriegsorgel entstanden. Orgelbaufirma und Orgelkommission haben, wie bei großen Orgelbauprojekten üblich, während der Bauzeit immer wieder historische Instrumente aus dem 18. und 19. Jahrhundert besucht, um Klangeindrücke in die klangliche Konzeption für die Stiftskirchenorgel einfließen zu lassen. Das Ziel war aber eine unverwechselbare und charakteristische Orgel, ein Unikat.