Stiftsmusik Stuttgart

... mit Kay Johannsen

Lieber Kay, Du bist seit 1994 Stiftskantor. Ein Wort, drei Silben, viele Aufgaben! An der Stiftskirche Stuttgart bist Du Organist, Chorleiter der Stuttgarter Kantorei und des solistenensembles stimmkunst, Dirigent der Orchester Stiftphilharmonie und Stiftsbarock – aber auch Chef der Stiftmusik mit rund 100 Veranstaltungen und 20.000 Besuchern pro Jahr, mit zirka acht festen und freien Mitarbeitern sowie vielen ehrenamtlichen Helfern. Hinter dem schlichten Titel Stiftskantor verbirgt sich also eine Vielfalt an verschiedenen Aufgaben, ein enormes Arbeitspensum, das ganz unterschiedliche Talente und Fähigkeiten fordert: Du bist Musiker und Manager. Wie kriegt man das alles unter einen Hut?

Das alles hat sich ja erst im Laufe der Jahre entwickelt, es war nicht von Anfang an so. 1994 gab es keine Stuttgarter Kantorei, es gab keine neue Orgel, es gab zum Beispiel keine Orgelmusik zum Weihnachtsmarkt, keinen Zyklus Bach:vokal, es gab Vieles noch gar nicht! Auch ich bin hineingewachsen in die Aufgaben – und das Team ist ebenfalls größer geworden. Anfangs hatte ich eine Sekretärin, heute hat die Stiftsmusik eine Geschäftsführerin und noch mehrere Mitarbeiter! Die Dinge sind gewachsen – mit den Möglichkeiten, die sich vor allem durch die Renovierung der Stiftskirche von 1999 bis 2003 und dann durch die neue Orgel boten, für die wir zehn Jahre geplant und nach Spenden gesucht haben. Mit den neuen Möglichkeiten haben sich dann auch die Veranstaltungen ausgeweitet, der Publikumszuspruch ist größer geworden, so hat sich das alles entwickelt.

Und richtig: Die Aufgaben sind tatsächlich vielfältig, wobei in Deiner Auflistung noch eines fehlt: Ich bin ja auch noch Dekanatskantor und damit Fachberater für Kirchenmusik für die Gesamtkirchengemeinde Stuttgart. Ich bin bei allen Stellenbesetzungen dabei – und das sind gar nicht so wenige ...

Bleibt immer noch die Frage, wie Du das alles unter einen Hut kriegst ...

Ich habe immer versucht, eine Priorität für mich zu setzen, und das ist das musikalische Vorbereiten. Das Üben steht für mich tatsächlich an erster Stelle – und obwohl ich sehr viel dirigiere, ist das Üben am Instrument immer die erste Priorität, vor allem anderen. An guten Tagen spiele ich den ganzen Vormittag in der Stiftskirche. Ich habe zwar auch zuhause eine Orgel, aber in der Stiftskirche sind die Bedingungen so wunderbar, dass ich gerne morgens dorthin radle und spiele. Am Nachmittag kommen dann die anderen Dinge dran, die Schreibtischaufgaben, die mit der Planung der Konzerte zu tun haben, die Besprechungen mit Gabi Zerweck über finanzielle, organisatorische und inhaltliche Dinge.

Und abends sind ja oft Proben. Mit der Stuttgarter Kantorei proben wir regelmäßig einmal pro Woche, manchmal auch zweimal oder zusätzlich am Wochenende ... das allein sind etwa 80 Termine im Jahr. Das ist ganz anders als mit dem solistensemble stimmkunst, das ja ein reines Projektensemble ist, zwar mit jährlich fünf bis sechs Projekten, die dann auch eine ganze Woche dauern, aber trotzdem: Die Kantorei, die ein großer Chor ist mit rund hundert Mitgliedern, fordert mich auf ganz andere Art und Weise. Der Chor verlangt von mir nicht nur musikalische Aufmerksamkeit und Vorbereitung, sondern ist ja auch ein soziales Gefüge, das es zu begleiten und zu leiten gilt.

 Jedenfalls: Diese Leitlinie – das Musikalische an erster Stelle – versuche ich durchzuhalten, denn das gibt mir die Sicherheit, dass ich zunächst Musiker bin und als Musiker überzeuge, nicht (nur) als Organisator von Konzerten, sondern als Musiker, den die Leute gerne hören wollen Und das hat sich bewährt. Meine Orgelkonzerte sind ja so erfreulich gut besucht, und wenn wir mit dem Chor singen und ein Oratorium aufführen, dann ist der Zuspruch auch sehr groß! Und bei unserem offenen Projekt Stiftsmusik für alle ist es jedes Mal wieder wunderbar zu erleben, wie viele da kommen, um gemeinsam mit anderen und mit mir zu msuizieren.

Damit nicht genug: Auch weit über Stuttgart hinaus gibst Du als Organist und Dirigent Konzerte, Du spielst CDs ein – und Du komponierst. Ende August findet zum Abschluss des »Internationalen Orgelsommers« das Release-Konzert Deiner neuen CD »Sunrise« statt mit eigenen Kompositionen für Orgel solo und Orgel mit Orchester. Wann findest Du Zeit und wie die Muße zum Komponieren?

Ich bezeichne mich selbst ja ungern als Komponisten, lieber als schreibenden Interpreten. Aber meine Frau sagt, das sei allmählich Unsinn, ich müsse jetzt halt mal dazu stehen, dass es eben doch das Komponieren sei. Tatsächlich sind es mittlerweile – grob durchgezählt – um die 300 Werke, die ich geschrieben habe. Ich habe schon als Jugendlicher recht viel geschrieben, aber später im Studium hatte ich dann solch einen Respekt vor der Neuen-Musik-Szene, dass ich mich lange gar nicht getraut habe, mein Schreiben öffentlich zu machen. Dann war es aber so, dass ich in meinen Orgelkonzerten sehr viel und immer mehr improvisiert habe. Und durch die positiven Rückmeldungen der Leute merkte ich, dass sie meine musikalische Sprache wirklich gerne hören, und dann dachte ich: Das muss ich weiter entwickeln und auch einiges davon festhalten.

Mit der Zeit und Muße funktioniert es nur so, dass ich einen Werktitel ins Programm schreibe und sage: Da ist die Uraufführung. Und dann muss es halt fertig werden. Aber wir Musiker sind ja gewohnt so zu arbeiten, wir legen einfach einen Termin fest, an dem das Brahms-Requiem, eine Bach-Kantate oder ein Orgelwerk aufgeführt wird. Obwohl wir es zu diesem Augenblick noch gar nicht geübt oder geprobt haben ... Beim Komponieren ist es auch so: Ich habe den Termin, und dann wird’s auch fertig.

Ende August wird nun meine erste Orgel-CD Sunrise mit eigenen Kompositionen veröffentlicht. Es war einfach der Punkt gekommen, dass ich so viele Stücke hatte, zu denen ich auch gerne stehe – darunter übrigens ein ganz frühes für Flöte und Orgel noch aus dem Studium –, und mich jetzt richtig freue, dass ich sie alle auf einer CD zusammenpacken konnte. Ich habe sie ja dann auch selber eingespielt, die Texte dafür geschrieben, und am 25. August ist es so weit, dass wir die CD der Öffentlichkeit präsentieren können, zum Abschluss des Internationalen Orgelsommers!

 

Apropos Komponieren auf Termin: Am 27. Oktober dirigierst Du die Uraufführung Deines abendfüllenden Oratoriums »Credo in Deum« zum Reformationsjubiläum. Der Kartenverkauf läuft bereits. Ist das Werk denn schon fertig?

Nein, das Werk ist noch nicht fertig (schmunzelt). Mehr noch als bei anderen Themen habe ich hier gemerkt, was für eine schwere Aufgabe es ist, ein Credo zu komponieren. Ich wollte nicht einfach ein Jubel-Glaubensbekenntnis schreiben, wie man es vielleicht im Ohr hat von vielen – auch hoch bedeutenden – Kompositionen. Aber wir befinden uns einfach im 21. Jahrhundert, wir sind nicht mehr Volkskirche, und für mich selber ist Glaube auch immer eine Sache, die vom Zweifel lebt. Ich wollte vieles davon unterbringen: eine Glaubenshinterfragung, die letztlich natürlich schon in eine Glaubensüberzeugung mündet, aber diesen Prozess unterzubringen in Musik, das habe ich als wirklich sehr herausfordernd empfunden. 

In Deiner Freizeit läufst Du: Halbmarathon und vielleicht bald auch Marathon? Ein Relax-Programm ist das auch nicht gerade, im Gegenteil! Wieder eine Anstrengung, eine Herausforderung. Warum nicht einfach mal auf der faulen Haut liegen?

Also das mit dem Sofa passt einfach nicht zu mir. Ich kann zwar im Urlaub mal eine Woche lang faul sein, das ist möglich. Aber sonst ist für mich der Ausgleich zur musikalischen Arbeit die motorische Bewegung, das war schon immer so. Ich werde ruhig in der Bewegung. Ich werde auch beim Üben ruhig, wenn ich Orgel spiele mit Händen und Füßen ... aber eben auch beim Laufen. Vor allem die langen Läufe, die man in einem konstanten Tempo läuft, haben durchaus einen meditativen Aspekt. Zugegeben: Seit einer Weile laufe ich auch gerne Läufe, bei denen es ein bisschen um die Zeit geht, aber das mit einer heiteren Ernsthaftigkeit. Ich finde es einfach lustig, mit Leuten am Start zu stehen und vor allem nachher im Ziel, die auch so ein bisschen verrückt sind, und dann darüber zu lachen, dass es dieses Mal leider nicht ganz so gut geklappt hat oder dass man drei Minuten schneller war als beim letzten Lauf. Entscheidend ist: Ich fühle mich einfach gut dabei! Es gibt übrigens auch einen gesundheitlichen Aspekt: Ich habe keine Rückenprobleme und ich kann stundenlang beschwerdefrei an der Orgel sitzen ohne dauernd zum Arzt rennen zu müssen und mir Spritzen geben lassen. Ich laufe einfach! Für mich ist das der ideale Ausgleich – aber ich habe absolutes Verständnis für alle, die lieber auf dem Sofa liegen (lacht).

Bislang haben wir vor allem über zwei Leidenschaften gesprochen: Musik und Marathon. Was bewegt Dich sonst?

Meine Familie natürlich ... und es gibt noch eine »Neben-Leidenschaft«, das ist die Literatur. Ich habe zwar keine Muße, mich hinzusetzen und ein Buch zu lesen, aber ich höre unglaublich viel, immer schon morgens, während ich das Frühstück mache oder wenn ich zum Bäcker gehe ... Sofort habe ich das Hörbuch drin und höre alle mögliche Literatur. Insofern ist dieser Bereich ziemlich wichtig für mich, die Literatur bringt mich zwischendurch immer wieder in eine andere Welt, sie schafft mir eine gewisse Distanz und bringt mich auf neue Ideen.

Vielen Dank, Kay, für das Gespräch – und toi, toi, toi für »Sunrise«, die »Credo«-Uraufführung und Deine nächsten Langstreckenläufe!